|  | Reime, Verse, Gedichte |  |  |  |  | Seite 7 von 10 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 | | Der arme Mann und sein Kind | Ein armer Mann, gedrückt von seiner Not,
Nahm in die Hand sein letztes Brot
Und schnitt davon ein Stückchen ab,
Das er dem kleinen Kinde gab,
Das bei ihm stand, und: "Gott, ach Gott!"
Seufzt' er dabei. Beweglich bot
Das kleine Kind das Stückchen Brot
Dem Vater wieder. "Nehmt es doch,"
Sprach es, "ich bitt' euch, ich will noch
"Wohl warten, Vater; weint nur nicht!"
Der Vater wendet sein Gesicht
Und sagt: "Ich schneide noch ein Stück;
"Behalt' es, Kind!" Mit nassem Blick
Sieht er auf seinen Sohn herab,
Auf seinen Trost, und schneidet ab.
Doch, wie erschrickt er! plötzlich fällt
Ein Haufen glänzend Silbergeld
Aus seinem Brot. "Ach, was ist das?"
Sagt er erschrocken; "Söhnchen! laß
"Die Taler liegen; ich will gehn,
"Der Bäcker soll sie liegen sehn.
"Vermutlich hat der Mann das Geld,
"Das aus dem lieben Brote fällt,
"Hineingebacken; der muß es
"Auch wieder haben. Bleib indes
"Dabei, ich will geschwinde gehn."
Er geht; des Kindes Augen sehn
Gar starr die blanken Taler an;
Allein es rühret nicht daran.
Der Bäcker kommt, sieht sie und spricht:
"Freund, das sind meine Taler nicht,
"Nein, glaubt es mir. Doch, wißt ihr was?
"Ein reicher Mann macht euch den Spaß;
"Denn hört: das Brot, das ihr geholt,
"War nicht von mir, ihr aber sollt
"Nicht fragen und, von wem es ist,
"Auch nicht erfahren. Dieses wißt:
"Das gestern Abend einer kam,
"Der mir das Brot gab, was ich nahm,
"Und fragte: Wenn ein armer Mann,
"Der krank ist, nichts verdienen kann,
"Ein Brot holt, Freund, so gebt ihm dies,
"So sagt' er, ja, das ist gewiß!
"Drauf kamt ihr, und ich gab es euch.
"Seht wie Gott sorgt; nun seid ihr reich.
"Das Geld hat einen rechten Glanz!"
Der arme Mann verstummte ganz
Und auch sein Kind. Er nahm das Brot
Und seufzt' und sagte nur: "Ach Gott!"
Und schnitt sich noch ein Stückchen ab
Und sprach: "Den Mann, der mir es gab,
"Den segne Gott! Ach! lebte doch,"
Sprach er, "nun deine Mutter noch,
"Du liebes Kind!" Das Söhnchen spricht:
"Weint, Herzensvater, weint nur nicht!"
Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 1719 - 1803
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| | Herbstlied | Durch die Wälder streif' ich munter,
Wenn der Wind die Stämme rüttelt
Und mit Rascheln bunt und bunter
Blatt auf Blatt herunterschüttelt.
Denn es träumt bei solchem Klange
Sich gar schön vom Frühlingshauche,
Von der Nachtigall Gesange,
Und vom jungen Grün am Strauche.
Lustig schreit' ich durchs Gefilde,
Wo verdorrte Disteln nicken,
Denk' an Maienröslein milde
Mit den morgenfrischen Blicken.
Nach dem Himmel schau' ich gerne,
Wenn ihn Wolken schwarz bedecken;
Denk' an tausend liebe Sterne,
Die dahinter sich verstecken.
Johann Gaudenz von Salis-Seewis, 1762 - 1834
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| | Kinderträume | Der Himmel offenbart sich nur in Träumen,
So langwir noch im Erdentale wallen,
Entfesselt schweben wir durch Wolkenhallen
Und brechen Blüten von den Lebensbäumen.
Hörst du das Kind entzückt im Träume lallen?
Sein Geist ergeht sich in den ew'gen Räumen;
Kannst du noch töricht zu entschlummern säumen,
Ein gleiches Los ist auch für dich gefallen.
Nur Kindern steht das Tor des Himmels offen,
Um sie nur spielt ein unbegrenztes Hoffen,
Sie fühlen nicht die schwere Erdenkette,
Und brauchen keinen Heiland, der sie rette.
Geliebte, laß uns werden so wie diese,
Um Kinder blühen Unschuldsparadiese.
Max von Schenkendorf, 1783 - 1817
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| | Der Gefangene | Vor dem getürmten, grauen Schloß
Steht brüllend ein gemeiner Troß:
"Ihr tapfern Brüder, stürmet an!
Es gilt dem armen gefangenen Mann!
Es gilt dem armen gefangenen Mann!
Wir helfen ihm aus Fessel und Bann!"
Keck schwingen sie sich über den Wall,
Sie bringen Tor und Wache zu Fall.
Sie dringen klirrend in den Hof,
Sie metzeln, daß er vom Blute troff,
Sie werfen den Feuerbrand in's Haus,
Sie treiben den alten Ritter aus.
Sie hau'n zusammen Herrn und Gesind,
Sie brechen in Scheun' und Keller geschwind,
Sie halten über den Fässern Schmaus
Und trinken sie wie Becher aus.
Sie legen sich über den Herrentisch
Sie schmausen Braten ab und Fisch;
Die Flamme schlägt ringsum empor;
Sie legen trunken sich auf's Ohr.
Und als der Brand das Schloß verzehrt
Und als sie Küch' und Faß geleert,
Da mit der Neige stoßen sie an:
"Es gilt dem armen gefangenen Mann!
Wo ist der arme gefangene Mann,
Daß er mit uns sich freuen kann?"
Sie kriechen aus Schutt und Staub herfür;
Sie taumeln zu der Kerkertür.
"Du armer gefangener Mann, hervor!
Wir sprengen dir dein Eisentor!"
So stießen sie die Türe ein
Und ließen hinab den Sonnenschein.
Was ist es, das sie dort erblickt?
Der arme Mann, der ist erstickt.
Er liegt zu Boden in Qualm und Rauch,
Es leckt an ihm der Flamme Hauch.
Da eilten sie, davon zu ziehn;
Sie ließen liegen und modern ihn.
Es schrie'n die satten, trunkenen Knecht':
"Wir haben den armen Mann gerächt!"
Gustav Schwab, 1792 - 1850
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| | Der Reiter und der Bodensee | Der Reiter reitet durch's helle Tal,
Auf's Schneefeld schimmert der Sonne Strahl.
Er trabet im Schweiß durch den kalten Schnee,
Er will noch heut an den Bodensee;
Noch heut mit dem Pferd in den sichern Kahn,
Will drüben landen vor Nacht noch an.
Auf schlimmem Weg über Dorn und Stein
Er braust auf rüstigem Roß feldein.
Aus den Bergen heraus in's ebene Land,
Da sieht er den Schnee sich dehnen wie Sand.
Weit hinter ihm schwinden Dorf und Stadt,
Der Weg wird eben, die Bahn wird glatt.
In weiter Fläche kein Bühl, kein Haus,
Die Bäume gingen, die Felsen aus.
So fliegt er hin, eine Meil' und zwei,
Er hört in den Lüften der Schneegans Schrei;
Es flattert das Wasserhuhn empor,
Nicht andern Laut vernimmt sein Ohr;
Keinen Wandersmann sein Auge schaut,
Der ihm den rechten Weg vertraut.
Fort geht's, wie auf Samt, auf dem weichen Schnee.
Wann rauscht das Wasser? Wann glänzt der See?
Da bricht der Abend, der frühe, herein:
Von Lichtern blinket ein ferner Schein.
Es hebt aus dem Nebel sich Baum an Baum,
Und Hügel schließen den weiten Raum.
Er spürt auf dem Boden Stein und Dorn,
Dem Rosse gibt er den scharfen Sporn.
Und Hunde bellen empor am Pferd
Und es winkt ihm im Dorf der warme Herd.
"Willkommen am Fenster, o Mägdelein!
An den See, an den See, wie weit mag's sein?"
Die Maid, sie staunet den Reiter an:
"Der See liegt hinter dir und der Kahn,
Und deckt' ihn die Rinde von Eis nicht zu,
Ich spräch', aus dem Nachen stiegest du."
Der Fremde schaudert, er atmet schwer:
"Dort hinten die Eb'ne, die ritt ich her!"
Da recket die Magd die Arm' in die Höh':
"Herr Gott, so rittest du über den See!
An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
Hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!
Und unten dir zürnten die Wasser nicht?
Nicht krachte hinunter die Rinde dicht?
Und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,
Der hungrige Hecht' in der kalten Flut?"
Sie rufet das Dorf herbei zu der Mähr',
Es stellen die Knaben sich um ihn her;
Die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
"Glückseliger Mann, ja segne du dich!
Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
Brech mit und das Brot und iss vom Fisch!"
Der Reiter erstarret auf seinem Pferd,
Er hat nur das erste Wort gehört.
Es stocket sein Herz, es sträubt sich sein Haar,
Dicht hinter ihm grinst noch die grause Gefahr.
Es siehet sein Blick nur den schwarzen Grund.
Im Ohr ihm donnerts wie krachend Eis,
Wie die Well' umrieselt ihn kalter Schweiß.
Da seufzt er, da sinkt er vom Roß herab,
Da ward ihm am Ufer ein trockenes Grab.
Gustav Schwab, 1792 - 1850
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| | Der Wilde | Ein Kanadier, der noch Europens
Übertünchte Höflichkeit nicht kannte,
Und ein Herz, wie Gott es ihm gegeben,
Von Kultur noch frei, im Busen fühlte,
Brachte, was er mit des Bogens Sehne
Fern in Quebecs übereis'ten Wäldern
Auf der Jagt erbeutet, zum Verkaufe.
Als er, ohne schlaue Rednerkünste,
So wie man ihm bot, die Felsenvögel
Um ein kleines hingegeben hatte,
Eilt' er froh mit dem geringen Lohne,
Heim zu seinen tiefverdeckten Horden,
In die Arme seiner braunen Gattin.
Aber ferne noch von seiner Hütte
Überfiel ihn unter freiem Himmel
Schnell der schrecklichste der Donnerstürme.
Aus dem langen, rabenschwarzen Haare
Troff der Guß herab auf seinen Gürtel,
Und das grobe Haartuch seines Kleides
Klebte rund an seinem hagern Leibe.
Schaurig zitternd unter kaltem Regen
Eilte der gute, wack're Wilde
In ein Haus, das er von fern erblickte.
"Herr, ach laßt mich, bis der Sturm sich leget,"
Bat er mit der herzlichsten Gebärde
Den gesittet seinen Eigentümer,
"Obdach hier in eurem Hause finden!"
"Willst du, mißgestalt'tes Ungeheuer,"
Schrie ergrimmt der Pflanzer ihm entgegen,
"Willst du, Diebsgesicht, mir aus dem Hause!"
Und ergriff den schweren Stock im Winkel.
Traurig schritt der ehrliche Hurone
Fort von dieser unwirtbaren Schwelle,
Bis durch Sturm und Guß der späte Abend
Ihn in seine friedliche Behausung
Und zu seiner braunen Gattin brachte.
Naß und müde setzt' er bei dem Feuer
Sich zu seinen nackten Kleinen nieder,
Und erzählte von den bunten Städtern,
Und den Kriegern, die den Donner tragen,
Und dem Regensturm, der ihn ereilte,
Und der Grausamkeit des weißen Mannes.
Schmeichelnd hingen sie an seinen Knien,
Schlossen schmeichelnd sich um seinen Nacken,
Trockneten die langen schwarzen Haare,
Und durchsuchten seine Waidmannstasche,
Bis sie die versproch'nen Schätze fanden. -
Kurze Zeit darauf hat unser Pflanzer
Auf der Jagd im Walde sich verirret.
Über Stock und Stein, durch Tal und Bäche
Stieg er schwer auf manchen jähen Felsen,
Um sich umzusehen nach dem Pfade,
Der ihn tief in diese Wildnis brachte.
Doch sein Späh'n und Rufen war vergebens;
Nichts vernahm er, als das hohle Echo
Längs den hohen, schwarzen Felsenwänden.
Ängstlich ging er bis zur zwölften Stunde,
Wo er an dem Fuß des nächsten Berges
Noch ein kleines, schwaches Licht erblickte.
Furcht und Freude schlug in seinem Herzen,
Und er faßte Mut und nahte leise.
"Wer ist draußen?" brach mit Schreckenstone
Eine Stimme tief her aus der Höhle,
Und ein Mann trat aus der kleinen Wohnung.
"Freund, im Walde hab' ich mich verirret,"
Sprach der Europäer furchtsam schmeichelnd;
"Gönnet mir, die Nacht hier zuzubringen,
Und zeigt nach der Stadt, ich werd' euch danken,
Morgen früh mir die gewissen Wege!"
"Kommt herein!" versetzt der Unbekannte,
"Wärmt euch! Noch ist Feuer in der Hütte."
Und er führt ihn auf das Winterlager,
Schreitet finster-trotzig in den Winkel,
Holt den Rest von seinem Abendmahle,
Hummer, Lachs und frischen Bärenschinken,
Um den späten Fremdling zu bewirten.
Mir dem Hunger eines Waidmanns speiste,
Festlich, wie bei einem Klosterschmause,
Neben seinem Wirt der Europäer.
Fest und ernsthaft schaute der Hurone
Seinem Gaste spähend auf die Stirne,
Der mit tiefen Schnitt den Schinken trennte,
Und mit Wollust trank vom Honigtranke,
Den in einer großen Muschelschale
Er ihm freundlich zu dem Mahle reichte.
Eine Bärenhaut auf weichem Moose
War des Pflanzers gute Lagerstätte,
Und er schlief bis in die hohe Sonne.
Wie der wild'sten Zone wild'ster Krieger
Schrecklich, stand mit Bogen, Pfeil und Köcher
Der Hurone jetzt vor seinem Gaste,
Und erweckt' ihn, und der Europäer
Griff bestürzt nach seinem Jagdgewehre;
Und der Wilde gab ihm eine Schale,
Angefüllt mit süßem Morgentranke,
Als er lächelnd seinen Gast gelabet,
Bracht' er ihn durch manche lange Windung,
Über Stock und Stein, durch Tal und Bäche,
Durch das Dickicht auf die rechte Straße.
Höflich dankte fein der Europäer;
Finsterblickend blieb der Wilde stehen,
Sahe starr dem Pflanzer in die Augen,
Sprach mit voller, fester ernster Stimme:
"Haben wir vielleicht uns schon gesehen?"
Wie vom Blitz getroffen stand der Jäger,
Und erkannte nun in seinem Wirte
Jenen Mann, den er vor wenig Wochen
In dem Sturmwind aus dem Hause jagte;
Stammelte verwirrt Entschuldigungen.
Ruhig lächelnd sagte der Hurone:
"Seht, ihr fremden klugen weißen Leute,
Seht, wir Wilden sind doch bess're Menschen!"
Und er schlug sich seitwärts in die Büsche.
Johann Gottfried Seume, 1763 - 1810
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| | Zwei schwarze Raben | Zwei schwarze Raben streichen
Geduckt am Acker hin,
Ihr Flug ist wie voll Zeichen
Und voll geheimen Sinn,
Als wollten Dämonen entweichen.
Die Himmel plötzlich klopfen
Auf Steine und auf Staub,
Aus Wolken fallen Tropfen
Und blättern in dem Laub.
Wie finstre Tarnenkappen
Drin eins versteckt sich hält,
Fällt Rab' und Rab' ins Feld.
Die Tropfen im Himmel stocken,
Die Raben hüpfen und hocken -
Lieb' und Hunger umlungern die Welt.
Max Dauthendey, 1867 - 1918
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| | Die junge Mutter | Der Knabe weint, die Mutter legt
Den holden Liebling auf die Kissen;
Doch er, vom Weinen aufgeregt,
Will nichts von Rast und Schlummer wissen.
Da singt die Mutter Lied um Lied,
Und immer süßer wird die Weise,
Und um das kleine Bettchen zieht
Der Schlummer seine Zauberkreise.
Und wie die Weise sanft verklingt,
Wird immer leiser auch das Weinen,
Bis am geschloss'nen Auge blinkt
Die stumme Träne nur den Kleinen.
Bald spiegelt auch ein lichter Traum
Sich in den klaren Zügen wieder,
Die Mutter aber atmet kaum
Und beugt sich zu dem Liebling nieder;
Mit scheuem Finger hüllt sie dicht
Den Schläfer in die warmen Decken,
Sie möchte' ihn küssen, wagt es nicht
Aus Furcht, ihn mit dem Kuß zu wecken.
Sie blickt ihn lange selig an,
Und geht dann fort und kehret wieder,
Und tut, was sie nicht lassen kann,
Und neigt sich küssend zu ihm nieder;
Und sinkt, von Dankgefühl durchweht,
Auf ihre Knie am kleinen Bette,
Und spricht ein inniges Gebet,
Und sucht dann selbst die Schlummerstätte.
Julius Sturm, 1816 - 1896
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| | Frühlings Erwachen | Nie vergißt der Frühling wiederzukommen;
Wenn Störche ziehn, wenn Schwalben auf der Wiese sind,
Kaum ist dem Winter die Herrschaft genommen,
So erwacht und lächelt das goldene Kind.
Dann sucht er sein Spielzeug wieder zusammen,
Das der alte Winter verlegt und verstört,
Er putzt den Wald mit grünen Flammen,
Die Nachtigall er die Lieder lehrt.
Er rührt den Obstbaum mit rötlicher Hand,
Er klettert hinauf die Aprikosenwand,
Wie Schnee die Blüte noch vor dem Blatt ausdringt,
Er schüttelt froh das Köpfchen, daß ihm die Arbeit gelingt.
Dann geht er und schläft im waldigen Grund
Und haucht den Atem aus, den süßen;
Um seinen zarten, roten Mund
Im Grase Viol' und Erdbeer' sprießen.
Wie rötlich und bläulich lacht
Das Tal, wenn er erwacht!
In den verschloss'nen Garten
Steigt er über's Gitter in Eil',
Mag auf den Schlüssel nicht warten,
Ihm ist keine Wand zu steil.
Er räumt den Schnee aus dem Wege,
Er schneidet das Buchsbaumgehege,
Und feiert auch am Abend nicht,
Er schaufelt und arbeitet im Mondenlicht.
Dann ruft er: Wo säumen die Spielkameraden,
Daß sie so lang in der Erde bleiben?
Ich habe sie alle eingeladen,
Mit ihnen die fröhliche Zeit zu vertreiben.
Die Lilie kommt und reicht die weißen Finger,
Die Tulpe steht mit dickem Kopfputz da,
Die Rose tritt bescheiden nah,
Aurikelchen und alle Blumen, vornehm und geringer.
Dann küßt der Frühling die zarten Blumenwangen
Und scheidet und sagt: Ich muß nun gehn.
Da sterben sie alle an süßem Verlangen,
Daß sie mit welken Häuptern stehn.
Der Frühling spricht: "Vollendet ist mein Tun,
Ich habe schon die Schwalben herbestellt,
Sie tragen mich in eine and're Welt,
Ich will in Indiens duftenden Gefilden ruhn.
Ich bin zu klein, das Obst zu pflücken,
Den Stock der schweren Traube zu entkleiden;
Mit der Sense das goldne Korn zu schneiden;
Dazu will ich den Herbst euch schicken.
Ich liebe das Spielen, bin nur ein Kind
Und nicht zur ernsten Arbeit gesinnt;
Doch wenn ihr des Winters überdrüssig seid,
Dann komm' ich zurück zu eurer Freud'.
Ludwig Tieck, 1773 - 1853
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| | Die Königstochter | Des Königs von Spanien Tochter
Ein Gewerb' zu lernen begann.
Sie wollte wohl lernen nähen,
Waschen und näh'n fortan.
Und bei dem ersten Hemde,
Das sie sollte gewaschen han,
Den Ring von ihrem Finger
Hat in's Meer sie fallen lan.
Sie war ein zartes Fräulein,
Zu weinen sie begann.
Da zog des Wegs vorüber
Ein Ritter lobesan.
"Wenn ich ihn wiederbringe,
Was gibt die Schöne dann?"
"Einen Kuß von meinem Munde
Ich nicht versagen kann."
Der Ritter sich entkleidet,
Er taucht in's Meer wohlan,
Und bei dem ersten Tauchen
Er nichts entdecken kann.
Und bei dem zweiten Tauchen
Da blinkt der Ring heran,
Und bei dem dritten Tauchen
Ist ertrunken der Rittersmann.
Sie war ein zartes Fräulein,
Zu weinen sie begann.
Sie ging zu ihrem Vater:
"Will kein Gewerb' fortan!"
Ludwig Uhland, 1787 - 1862
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