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Baggergeschichten

Die kleinen Probleme großer Träume
Bezaubernd wie eine sich gerade öffnende Blüte, die schüchtern ihre Blätter zur Sonne streckt, sich unschuldig von den Strahlen streicheln läßt und vor Entzücken ihren Hals biegt. So sah sie mich an, mit leichtem Augenaufschlag, während sie an ihrem Drink nippte. Um sie nicht gleich wieder zu verunsichern, wendete ich mich wieder dem Barmann zu, um meinerseits ein neues Getränk zu ordern, ohne natürlich zu vergessen, für sie eines mit zu bestellen. Das war der dritte Champagner, irgendwann mußte sie doch feststellen, das meine Absichten von ehrlicher Natur und das sie für mich nicht nur eine Laune des Abends war. Sie sah nicht aus wie einer der üblicher Nachtfalter, die vom Licht angezogen, sich die zarten Flügel verbrennen, um danach einsam am Boden darauf zu warten, daß irgend ein Vogel sie als kurze Zwischenmahlzeit aufpickt. Ich kann beides sein, Licht und Vogel, bevorzuge aber das Licht.

Sinnlich wie ein Schwanenhals hob ihr Arm das Glas in meine Richtung, während ich in der Schönheit ihres Anblickes badete. Nietzsche sagte: Als ich des Suchens leid war, erlernte ich das Finden. Und ich hatte gefunden. Von ihrem Zauber getriebene Wärme stieg in mir auf zu meinem Herzen. Welch makellose Unschuld durchdrang ihre Aura und hüllte sogar ihre Umgebung in einen sanften Schimmer von weich zeichnender Romantik, wie ein Bild von David Hamilton. Wie eine Naturkatastrophe brach die Liebe über mich herein, zerrieb meine Gedanken zu glühenden Bruchstücken, während meine Gefühle sich wie Lavaströme über mein Inneres ergossen und mein ganzes Leben in sich auflösten, um es mit, in ein neues Tal der Ruhe zu ziehen. Großartigkeit übermannte mich, nahm meine inneren Worte gefangen, zerrte an all meinen Gliedern und band mich doch gleichzeitig fest auf meinen Platz. Bewegungslosigkeit überflutete kribbelnd Arme und Beine. Was geschah mit mir? Hatte ich plötzlich Ausblick auf das Göttliche, den Engel, der mich bei Kälte in seine weißen makellosen Flügel schlägt und mich bei Sonnenschein auf eine Reise des Glücks fort trägt? Ihr Blick verhieß mir Gewißheit und ihr leicht geöffneter Mund lief mich die süßen Worte schon vorausahnen, die sie mir auf unserer Fahrt in die Zukunft, zärtlich in mein Ohr flüstern würde.

Verlegen griff ich wieder zu meinem Glas, spürte nicht die Bewegung, merkte nicht den Rand an meinem Mund, alles war losgelöst von meinen Empfindungen. Der teure Cognac floß wie ein Kuss über Lippen und Zunge, landete glühend in meinem Magen, um sich von dort aus strahlenförmig in meinem Körper auszubreiten. Ich merkte, wie meine Haut anfing zu glühen und erfolglose Kühlungsversuche unternahm. Ich zog meine Jacke aus. Sie schaute weg, als wäre es ihr peinlich, wie eine erste Intimität. Zaghaft zog sie an ihrer Zigarette, während ich ihr perfektes Profil in Augenschein nahm. Ich würde mich ihr ganz langsam nähern müssen. Zu zerbrechlich schien sie in Körper und Geist. Unter ihren Kleidern ahnte ich ihren zarten Körper, ihre weichen Rundungen und ihre schüchternen Hügel, welche meine Finger bald künstlerisch erkunden werden.

Das es passiert, war mir jetzt klar. Kein Weg würde mehr daran vorbeigehen. Schicksalhaftigkeit beseelte diese Begegnung mit ungeheurer Dynamik. Keine Frage schien noch offen, kein Wunsch unausgesprochen. Als ewige Institution war sie bereits in meinem Leben verankert. Alle Wege in meinem Leben, würden nur noch über sie laufen und ich werde sie behüten, wie eine gläserne Feder, während ich ihre glitzernde Zartheit betrachte und es kaum wage, sie zu berühren. Ich werde mein ganzes Sein mit Watte auslegen, damit sie nicht zerbricht und einen Thron aufstellen, von dem sie auf ein Reich der Liebe blickt, wo ich als Diener nicht mehr von ihrer Seite weiche und jeden ihrer Wege mit einem roten Teppich auslege. An all ihren Zielen werde ich schon mit offenen Armen bereit stehen, um sie in Empfang zu nehmen, nachdem ich die Räume schon ausstaffiert und geschmückt habe. Ich werde ihr Lachen begleiten und ihre Tränen zu Sehnsucht küssen. Ich werde ihr Glück in meine Seligkeit hüllen und ihren Zorn mit Sanftmut auffangen. Ich werde sie in ihrer Verlorenheit bei der Hand nehmen und ihre Worte in Küsse tauchen, bis nur noch eines, von endgültiger Wahrheit beseelt, über ihre Lippen zitternd den Raum erfüllt: Ja.

Leichtigkeit umgibt mich. Unwiderstehliches Bestreben durchdringt alle Fasern meines Ichs, durchströmt meine Muskeln, bildet jeden Gedanken und formt Sätze des Unausweichlichen. Die Lähmung fließt regelrecht kühl von mir ab. Es bedarf keiner Erklärung mehr. Die Fäden sind bereits fest verwoben. Das Schicksal ist unausweichlich. Schon sitze ich neben ihr, sehe sie an und beginne mich ihr zu öffnen. Ein Traum von Worten kommt über meine Lippen. Prosaisch verzückt hört sie zu, bis sie mit Schwung ihren Kopf aus meiner Richtung dreht, so das sich eine Flut von Haaren über ihren makellosen Rücken ergießt. Sie zündet sich bedächtig eine Zigarette an, bevor sie sich wieder mir zuwendet, um zu sagen, das sie sich eher einen Mann für eine Nacht vorstellen könne. Ich hatte es geahnt. Blöde Fotze! Na ja, warum nicht? Es ist auch schon spät. Ich bestell mir erst mal ein Bier.
System-Failture
Das Programm scheint fertig. Die Daten sind organisiert. Alles ist bedacht. Der Probelauf kann beginnen. Startknopf, und los geht’s. Der Prozessor jagt durch die Programmzeilen. Die Schrittmotoren meiner Muskulatur beginnen, sich zu rühren. Ich bewege mich zu ihr und fange an, mit der Standart-Prozedur: „Bist Du schon länger hier?“, lautet mein erster Output. Sie sieht mich an, als fühle sie sich auf der falschen Systemebene. „Was willst Du?“, digitalisiert sie sich in meiner Rechenbirne. Oh! Das kenne ich. Für diesen Fall ist schon ein richtiger Index in meiner Datenbank gesetzt. „Hey Baby, willste nen Drink?“ wird schnell selektiert und cool gesendet.

„SYNTAX-ERROR!“, leuchtet es aus ihren Augen, fehlt nur, daß sie auch noch die Programmzeile angibt, statt dessen fordert sie: „Nenn mich nicht Baby!“.
Die Ja-Nein-Auswahlroutine muß übersprungen werden und ein Ausnahme-Interrupt schaltet sich in den Programmlauf ein. Unterprozeduren werden aufgerufen, Selektionsroutinen prüfen die Rückgabewerte, reservieren noch ungenutzte Speicherplätze und setzen Werte neu, um sich dem richtigen Gegenzug anzunähern. Die richtige Rückgabeprozedur wird gefunden, macht die Standart-Anmelde-Maske auf und beginnt, ihren Text durch meine Audiokanäle zu schicken: „Entschuldige, dann sag mir doch Deinen Namen.“

Sie sieht mich an, als hätte sie gerade den falschen Input bekommen und ne Division durch Null erlebt: „Der steht im Telefonbuch!“ dringt es in meine Eingabevariablen. Wie bitte? Spreche ich HTML, oder was? Bin ich etwa ein DNS-Server oder hab ich die D-Info 2000 in der Birne? Wie stellt sie sich das denn vor? Wieder rattert das Programm durch Unterroutinen, auf der Suche nach der passenden Antwort, bis schließlich eine Sich-selbst-aufrufende-Prozedur erreicht wird. Die Rekursionsschleife verursacht einen internen Stapelüberlauf.

„STACK-OVERFLOW, die Anwendung wird beendet“, erscheint die Meldung vor meinem inneren Auge. Ein Neustart ist von Nöten und schon erscheint die erste Eingabemaske wieder. Es läuft alles, wie geschmiert.

„Cool ausgedrückt, aber nun spiel Dich man nicht als Plastikblume auf. Darauf müssen wir einen gießen, oder brauchst Du etwa keinen Dünger?“ Diesen Satz hatte ich improvisiert, direkt vor Ort und vor ihrem Angesicht. Das war sozusagen, noch echte Handarbeit.
„Alter, verpiss Dich!“ kommt es stereo durch meine Aufnahme-Peripherie und schaltet sofort den Debugger an. Jede Programmzeile wird ab jetzt auf Fehler untersucht, dann kommen die Antworten zwar langsamer, können aber rechtzeitig abgebrochen werden.
„Wo drückt denn der Schuh?“ ziehe ich die charmantesten Register.

„Haste nicht gehört!!!“ brüllt plötzlich von rechts der Barmann, als wäre seine Prozessorkühlung ausgefallen und so, daß meine Inputselektoren anfangen zu vibrieren. Einen Systemschock kann ich gerade noch mit einem Prozessor-Interrupt abfangen. „Ich hätte gern ein Bier.“ kommt der automatische Print. Oh Gott, das Feierabend-Programm ist automatisch neu gestartet. Alles ist ganz still, während sich meine inneren Komponenten überhitzen. Ich schalte lieber in den Suspend-Mode, denn mein Hausarzt Dr. Watson meldet sich gerade mit einem Systemfehler und will ein Post-Mortem-Abbild von mir erstellen. Ich drücke auf „Abbrechen“, will versuchen, das System noch mal aufzufangen und setzte mich wieder auf meinen Platz. Das Programm muß ich noch mal überarbeiten, man ist ja nie fertig damit und aus Fehlern lernt man. Ich mache bewußt Fehler, damit ich auch bewußt lerne.
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