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Liebesbriefe

Back on Earth (Brief nach 6 Wochen Trennung)
Die Grappa, Whisky und Brandy-Flaschen, welche sich um überlaufende Aschenbecher sammelten, sind im Müll. Ich überlegte zwar, ob ich mit den Tabaksbeuteln meine Wohnung tapeziere, habe mich aber eines besseren besonnen. Mein Heim ist wieder aufgeräumt, die Wäsche gewaschen, sogar gelegt und im Schrank. Die Jalousien meiner Fenster sind von Spinngeweben gereinigt und geöffnet worden. Die Fußböden sind gewischt, man kann jetzt wieder auf ihnen gehen, ohne Fäden zu ziehen. Nach drei Staubsaugerbeuteln und vierzehn Putzlappen war die Wohnung wieder sauber, so das ich wenigstens den Kammerjäger herein lassen konnte. Die rückständigen Mieten und Telefonrechnungen wurden bezahlt und die Kündigungen zurück genommen. Gas und Strom sind auch wieder verfügbar. Der Vollstreckungsbeamte, der durch meinen häufigen Anblick zum Alkoholiker wurde, ist auf Entzug in der Klinik. Der Postberg vor meiner Haustür wurde mit Containern zur Verbrennungsanlage gebracht. Nachdem auch die geleerten Hansapils-Paletten auf dem Recyclinghof gelandet sind, sehe ich jetzt wieder die Bilder an meinen Wänden. Die letzte überlebende Pflanze ist gegossen und ins Licht gestellt.

In der Firma ist man nicht mehr überrascht, mich zu sehen. Die Zeiten, in denen man mir auf Grund meines Anblickes Aspirin und Kaffee anbot, sind vorbei. Man trägt nicht mehr meinen Koffer ins Büro. Auf dem Weg zur Küche oder zum Klo wird mir kein Arm mehr angeboten. Die Diskussionen um einen Rollstuhl haben aufgehört.

In Restaurants werde ich wieder bedient. Die Polizei glaubt wieder, daß das Auto wirklich mir gehört, auch, daß das Foto des Führerscheins paßt. Auf der Straße oder vor dem Supermarkt fragt mich niemand mehr, ob ich ne Mark haben will! Selbst die Penner und Junkies der Schanze bieten mir nicht mehr ihre Hilfe an. Wenn ich einen Raum betrete, fragt niemand mehr, ob die Klotür offen steht. Mein Entmündigungsverfahren wurde eingestellt.

Bierbauch, Doppelkinn, Tränensäcke und Leberzirrhose bilden sich langsam wieder zurück. Die Fernbedienung meines Fernsehers wurde operativ von meiner linken, und der Telefonhörer von meiner rechten Hand entfernt. Das konnte glücklicherweise noch ambulant erledigt werden, nachdem mit hochaktiven Lösungsmitteln der reißlackähnliche Nikotinfilm von meinen Fingern gewaschen wurde. Ich muß nur jeden zweiten Tag die Verbände wechseln. Bei der Untersuchung meiner Augen war das Testbild meines Fernsehers nur noch schwach auf der Netzhaut erkennbar. Bei Tageslicht muß ich noch eine Sonnenbrille tragen. Nach dem Entfernen des Zahnsteins kann ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen und muß die Brötchen nicht mehr aus der Schnabeltasse lutschen.

Ich mußte mehrere male mit Klamotten duschen, um diese auch schmerzfrei von meinem Körper entfernen zu können. Nach sechs Koch-Waschgängen mit Vorwäsche und Ariel-Ultra konnten sie dann wieder meiner Garderobe zugefügt werden. Nur die Hose ist bei dem Versuch, sie in die Waschmaschine zu stecken, zerbrochen. Hand und Fußnägel sind geschnitten und entsorgt worden. Auch die grauen Haare hab ich übertönt, selbst die Nikolaus-Fasern in meinem Bart. Nachdem ich an meinem Rasierer die rostigen Klingen austauschte und ihn benutzte, erkannte ich plötzlich wieder einen Menschen im Spiegel. Er war mir zwar noch etwas fremd, aber ich glaube, wenn erst die Pickel, Mitesser und Flohstiche zwischen den Falten und Krähenfüßen verschwunden sind, könnte ich mich wieder an ihn gewöhnen. Nach dem Waschen bemerkte ich plötzlich, das die Farbe meiner Haut gar nicht Graugelb ist! Als auch das Licht in meiner Wohnung wieder funktionierte, bekam ich sogar einen leichten Sonnenbrand.

Freunde und Familie waren zwar erfreut, zu hören, das ich noch lebe, erinnerten sich jedoch nicht sofort an mich. Ich habe seit einer Woche weder getrunken noch gekifft und bei der Rückgabe der Pornofilme konnte ich mich mit der Angestellten der Videothek auf eine Nachgebühr von 700 DM einigen.

Ich hab sogar die Pink-Floyd-Platten ins Regal zurückgestellt. Ich glaube, ich bin wieder in Ordnung. Hast Du am Dienstag schon was vor?
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